Weinflaschen: Grössen aller Art

Gross, grösser, Big Bottles. Neben der Standard-Flasche Wein mit 0,75 Litern tummeln sich jede Menge anderer Weinflaschen-Grössen. Sie haben mysteriöse Namen oder stehen an kuriosen Orten.

Bevor Sie im Autohaus des beschaulichen Schweizer Dorfs Lyssach die Hummer, Chevrolets und Cadillacs Probefahren können, begutachten Sie überraschenderweise etwas anderes. Eine Weinflasche. Und vor der stehen Sie ziemlich sicher nicht allein. Denn es handelt sich um die grösste Weinflasche der Welt, offiziell anerkannt vom «Guinness-Buch der Rekorde». Das heisst: Sie schauen auf eine stattliche - 4,17 Meter hohe - Glasflasche, in der sich 3.094 Liter Wein verbergen. Ungefüllt liess sich dieser Superlativ unter den Weinflaschen-Grössen noch prima mit einem der amerikanischen XXL-Pickups aus dem Autohaus transportieren. Gefüllt ist die Preziose dann doch etwas schwer und steht seit 2014 brav an Ort und Stelle. Als Publikumsmagnet.

Riesige Weinflaschen machen halt optisch etwas mehr her als die Standard-Weinflasche. Deren Volumen übrigens erst seit 1977 durch eine EU-Norm vereinheitlicht wurde. Schwankte die Grösse dafür vorher zwischen 0,7 und 0,8 Litern, einigte man sich diplomatisch auf die Mitte, auf 0,75 Liter. In der Gastronomie wird sie auch als «Eintel» oder «Bouteille» bezeichnet. Sind die Flaschen sehr viel kleiner, heissen sie «Piccolo» (0,2 oder 0,25 Liter). Für halbe Portionen ist mit der Halbflasche oder «Stifterl» (0,375 Liter) gesorgt. Da es manchmal aber etwas mehr sein darf, gibt es eben die imposanteren Flaschen. Die neben ihrer Statur jede Menge weiterer Vorteile haben.

Vorteile grosser Weinflaschen

Der Wein reift in ihnen «würdevoller» (und schmeckt oft besser). Dafür sorgt zum einen das Verhältnis von Wein und Sauerstoff. Je grösser die Flasche, desto weniger Sauerstoff kommt mit der Flüssigkeit in Kontakt. Dadurch reift der Wein langsamer und Sie haben länger Freude daran.

Zum anderen haben Grossflaschen dickere Glaswände und die schützen besser vor Licht. Nicht unwichtig, wenn Sie Wein länger lagern. Denn Licht kann leider dazu führen, dass Ihr Wein nach Käse riecht. Dieser Weinfehler wird Ihnen damit also kaum passieren!

Sie sorgen für Glamour auf gemeinsamen Feiern. Ausserdem ist auf einer riesigen Flasche viel Platz. Darauf können Gratulanten unterschreiben und Sie haben ein sehr persönliches Andenken, etwa als Gästebuch zur Hochzeit.

Seltener entkorken müssen Sie ebenfalls. Man hat einfach länger etwas von den grossen Formaten.

Nicht immer verfügt man jedoch über die Portokasse eines Schweizer Autohauses oder hat das Bedürfnis, mit seinen Gästen 3.000 Liter Wein auf einen Schlag zu konsumieren. Kein Problem, denn auch zwischen ihr und der Standardflasche gibt es jede Menge Weinflaschen-Grössen. Und allein deren Namen sind mysteriös.

Rare und schwere Weinflaschen-Grössen

Die 30 Liter-Melchisedek

Jetzt wird es biblisch. Melchisedek heisst die Flaschengrösse, in die 30 Liter hineinpassen. Umgerechnet also 40 Standard-Bouteillen oder 240 Gläser. Vorzugsweise Champagner, denn wenn schon in Strömen, dann pompös! Der Name stammt von einem König aus dem Alten Testament. Dieser König Melchisedek war übrigens der erste Priester, der für sein Opferritual neben Brot auch Wein nutzte.

Aber selbst wenn es damals schon Wein in diesen pompösen Glasflaschen gegeben hätte, wäre Melchisedek sicher auf kleinere Varianten ausgewichen. Denn die gleichnamige Flasche wiegt etwa 50 Kilogramm. Da hilft beim Eingiessen neben zahlreichen Mitgeniessern auch eine Weinwiege. In dieser liegt der Gigant dann schräg und kann langsam mit einer Kurbel geneigt werden. Abrutschen, umfallen und verschütten der teuren Tropfen nahezu ausgeschlossen.

Teuer ist ein gutes Stichwort, denn grosse Formate ab drei Litern sind aufwändig in der Herstellung. Je grösser, desto seltener, könnte man sagen, denn nicht alle Weingüter oder Champagnerhäuser bieten überhaupt solche Varianten an. Die meisten gibt es daher nur auf Anfrage. Für knapp 5.700 Euro erhalten Sie etwa derzeit eine Melchisedek vom Champagnerhaus Drappier, Lieferzeit ungefähr zwei Wochen. Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude.

Von Königen und Co: Salomon bis Salmanazar

Während bei der Melchisedek eine Verbindung zum Wein da ist, verliert sie sich bei den anderen Namensgebern im Dunkel. Man weiss schlicht nicht so genau, warum die Flaschen so heissen, wie sie heissen. Und warum die meisten biblische Namen haben, manch andere aber nicht. Oder warum viele nach Königen benannt sind, andere wiederum nach anderen Gestalten. Irgendwie aber sind sie alle glorreich und sagenumwoben.Wandern wir kurz durch die Legenden, quasi rückwärts von den grossen Flaschen zu den kleinen. 

Schon etwas handlicher als die Variante aus dem Autohaus und die Melchisedek ist die 20 Liter-Salomon. Sie ist benannt nach dem weisen israelischem König. Eine Goliath umfasst dann 18 Liter und gibt sich weniger royal denn kämpferisch: sie geht auf den legendären riesenhaften Krieger zurück. Die Nebukadnezar-Grösse mit 15 Litern hat ihren Namen wieder von einem König: Nebukadnezar regierte Babylon und liess das berühmte blaue Stadttor erbauen, das Ischtar-Tor. Einem seiner Nachfolger ist die 12 Liter-Flasche gewidmet: Balthazar war der letzte König des neuen Babylonischen Reichs. Ein assyrischer König stand Pate für die erste Flaschengrösse unter zehn Litern: die Salmanazar enthält neun Liter und ist neben den anderen fast schon ein Baby.

Regionale Eigenheiten: Champagne, Burgund und Bordeaux

Jetzt wird es etwas nerdig. Es gab und gibt diese Weinflaschen-Grössen nämlich nicht in allen Weinregionen. Ursprünglich waren sie für die Champagne und das ostfranzösische Burgund reserviert. Heute werden aber auch andere Stillweine so abgefüllt und benannt, vor allem lagerfähige Rotweine aus dem Bordeaux. Die haben jedoch manchmal eigene, abweichende Bezeichnungen. So heisst die 18 Liter-Goliath im Bordeaux eben Melchior. Und auch die 6 Liter-Flasche gibt es in zwei Varianten: als Methusalem in der Champagne und im Burgund, aber als Impériale im Bordeaux. Ein bisschen Eigenheit muss sein. Übrigens: Methusalem beziehungsweise Impériale ist für die meisten Häuser das höchste der Gefühle. Grösser wird’s dort nicht.

Bleiben wir mit der nächstkleineren Weinflaschen-Grösse bei den regionalen Besonderheiten. Die 5 Liter-Version gibt es nur am Atlantik. Dort heisst sie Jeroboam. Aber erst seit 1978. Davor hatte die Jeroboam aus Bordeaux ein geringeres Volumen, nämlich 4,5 Liter. Und während es Champagner und Burgunder nicht in der 5 Liter-Flasche gibt, gibt es diese aber als 4,5 Liter-Variante. Und heisst dann Rehoboam. Alles klar soweit? Aber keine Angst: niemand verlangt, dass Sie das auswendig können. Und selbst bei einem Weinquizz kann man ja heimlich das Smartphone konsultieren.

Die Weinflaschen-Grössen Magnum und Doppelmagnum

Jetzt wird es wirklich handlich. Die Doppelmagnum umfasst überschaubare drei Liter. Das entspricht 24 Gläsern Wein oder Schaumwein und versorgt eine ordentliche Runde! Da wir gerade beim Nerden waren (regionale Unterschiede der Flaschenformen), sagen wir noch den korrekten Namen für eine Champagner-Flasche mit drei Litern. Die heisst nämlich nicht Doppelmagnum, sondern Jeroboam. Genau, wie die 5 Liter-Variante aus dem Bordeaux. Und weil dieser Name jetzt so oft fiel, verraten wir noch kurz, dass auch er wieder auf einen König zurückgeht, nämlich den israelitischen Jerobeam. Bei einer Magnum sind sich Bordeaux und Champagne dann aber wieder einig. Die wird überall Magnum genannt. Hier können Sie aus den anderthalb Litern zwölf Gläser befüllen.

Und das Beste: Sie benötigen für die «kleinsten» und beliebtesten unter den Grossflaschen keinerlei Pick-up zum Transport. Zudem sind Magnum und Doppelmagnum noch gut mit einem normalen Korkenzieher zu öffnen und auch von einer (geübten) Person allein einzuschenken. Ausserdem sie sind viel leichter zu bekommen als die grossen «biblischen» Varianten. Egal, welche der imposanten Weinflaschen-Grössen Sie auf Ihrem Tisch kredenzen: Eindruck machen Sie damit auf jeden Fall!